Telegram ist nicht sicher – und das ist jetzt bewiesen
Eine unabhängige Analyse von Symbolic Software bestätigt: Telegram überträgt eine persistente Device-ID im Klartext. Jeder Netzwerkbeobachter kann Nutzer tracken – auch bei Secret Chats und Ende-zu-Ende-Verschlüsselung.
Telegram gilt bei vielen als sichere Alternative zu WhatsApp. Journalisten, Aktivisten und Unternehmen nutzen es für vertrauliche Kommunikation. Doch ein aktueller 95-seitiger Forschungsbericht von Dr. Nadim Kobeissi (Symbolic Software) zeigt: Diese Sicherheit ist ein Trugschluss.
Was wurde entdeckt?
Im Kern geht es um eine einzige technische Schwachstelle – die aber massive Auswirkungen hat:
Telegram verwendet für sein hauseigenes Protokoll MTProto eine sogenannte auth_key_id – eine 64-Bit-Gerätekennung, die bei jeder einzelnen Nachricht mitgesendet wird. Das Problem: Diese ID wird über unverschlüsselte TCP-Verbindungen übertragen. Im Klartext. Für jeden sichtbar, der im Netzwerk mitlesen kann.
Warum ist das so gefährlich?
- Persistenz: Die
auth_key_idbleibt konstant – über App-Neustarts, Netzwerkwechsel, IP-Änderungen und sogar Ländergrenzen hinweg. Einmal erfasst, immer verfolgbar. - Breite Angriffsfläche: Nicht nur Geheimdienste können mitlesen. Jeder Internet-Provider, jeder Netzwerkadministrator, jeder Betreiber eines öffentlichen WLANs hat potenziell Zugriff.
- Secret Chats schützen nicht: Die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung von Secret Chats schützt den Nachrichteninhalt – aber nicht vor dem Tracking über die
auth_key_id. Die Schwachstelle liegt eine Protokollschicht darunter. - Perfect Forward Secrecy hilft nicht: Auch Telegrams PFS-Feature bietet keinen Schutz, da temporäre Schlüssel durch Timing-Korrelation verknüpft werden können.
- VPNs sind wirkungslos: Die
auth_key_idwird innerhalb der Telegram-Verbindung übertragen – ein VPN ändert daran nichts.
Das Praxis-Szenario: So funktioniert Deanonymisierung
Der Report beschreibt ein erschreckend realistisches Szenario:
- Ein Journalist nutzt Telegram, um mit einer vertraulichen Quelle zu kommunizieren.
- Er loggt sich einmalig in ein Konferenz-WLAN ein – sein Name steht in der Registrierung.
- Das WLAN loggt routinemäßig den Netzwerkverkehr. Die
auth_key_idwird erfasst. - Ab diesem Moment kann rückwirkend jede vergangene Telegram-Nutzung mit diesem Gerät zugeordnet werden – überall dort, wo ISP-Logs existieren.
- Keine Spezialtools nötig. Standard-Netzwerk-Logs reichen aus.
Das bedeutet: Ein einziger Identifikationspunkt reicht aus, um die gesamte Kommunikationshistorie eines Geräts offenzulegen.
Was sagt die unabhängige Analyse?
Dr. Kobeissi hat die Behauptungen der OCCRP-Recherche (Juni 2025) systematisch geprüft. Das Ergebnis:
| Behauptung | Bewertung |
|---|---|
| auth_key_id ermöglicht User-Tracking | ✅ Voll bestätigt |
| Netzwerkzugang ermöglicht Metadaten-Überwachung | ✅ Im Kern bestätigt |
| Ende-zu-Ende-Verschlüsselung schützt nicht vor Tracking | ✅ Voll bestätigt |
| Infrastruktur-Kontrolle ermöglicht Überwachung | ⚠️ Technisch korrekt, Attribution überzogen |
| Router-Kontrolle reicht für Tracking | ✅ Voll bestätigt |
Warum macht Telegram das nicht einfach anders?
Das Frustrierende: Die Lösung wäre trivial. Jeder andere große Messenger – WhatsApp, Signal, iMessage, Threema – verschlüsselt die Transportschicht mit TLS. Das ist Industriestandard. Der Performance-Impact ist vernachlässigbar.
Telegram hat sich bewusst dagegen entschieden. Der Report ist hier eindeutig: Die Verantwortung liegt bei Telegram, nicht bei den Infrastruktur-Anbietern.
„Telegram bears responsibility for the privacy implications of exposing persistent device identifiers to network observers.“
— Dr. Nadim Kobeissi, Symbolic Software
Was bedeutet das für Unternehmen?
Für Unternehmen, die Telegram intern oder für Kundenkommunikation nutzen, ergeben sich konkrete Risiken:
- Compliance: Die DSGVO fordert technische Maßnahmen zum Schutz personenbezogener Daten. Ein Messenger, der Geräte-IDs im Klartext überträgt, erfüllt diese Anforderung nicht.
- Geschäftsgeheimnisse: Metadaten verraten, wer mit wem kommuniziert – auch ohne den Inhalt zu kennen. Für Wettbewerber oder Angreifer sind diese Informationen Gold wert.
- Awareness: Viele Mitarbeiter halten Telegram für sicher. Diese Fehleinschätzung muss in Schulungen adressiert werden.
Unsere Empfehlung
Wir raten Unternehmen dringend:
- Telegram nicht für vertrauliche Geschäftskommunikation einsetzen.
- Auf geprüfte Alternativen umsteigen – Signal, Threema oder Plattformen mit nachweislicher Transport-Verschlüsselung.
- Mitarbeiter sensibilisieren: „Verschlüsselt“ bedeutet nicht automatisch „sicher“. Die Transportschicht ist genauso wichtig wie die Inhalts-Verschlüsselung.
- Kommunikationsrichtlinien aktualisieren: Welche Messenger sind für welche Vertraulichkeitsstufe zugelassen?
Fazit
Telegram hat ein fundamentales Architekturproblem, das alle Nutzer betrifft – unabhängig von Sicherheitseinstellungen. Die Schwachstelle ist keine theoretische Möglichkeit, sondern ein reproduzierbares, dokumentiertes Sicherheitsrisiko.
Solange Telegram keine TLS-Verschlüsselung für alle MTProto-Verbindungen erzwingt, bleibt jeder Nutzer für passive Netzwerkbeobachter identifizierbar und verfolgbar. Das ist keine Frage von „ob“, sondern von „wer schaut gerade hin“.
Quelle: „Telegram’s MTProto: Assessing Deanonymization Potential for a Network Attacker“ (GNMX-01), Dr. Nadim Kobeissi, Symbolic Software, Mai 2026. 95 Seiten, unabhängige technische Analyse im Auftrag von Global Network Solutions, Inc.
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